Jul 29

Die Kölner Band ABC Georgia fühlt sich musikalisch in den frühen 1990er Jahren zu Hause. Das Quartett lässt sich von Post-Hardcore und alternativem Country inspirieren.

Köln – „Das Wichtigste ist das Gefühl, das bei unserer Musik rüberkommt, denn das Rad neu erfunden haben wir nicht“, sagt Jochen Heisel (30), Schlagzeuger der Kölner Formation A Band Called Georgia, kurz: ABC Georgia. Gut, das Rad neu zu erfinden erwartet heutzutage wohl keiner mehr von einer Rockband, zumal sich das 2007 gegründete Quartett einem Sound verschrieben hat, der zeitlos ist – emotionale Rockmusik, inspiriert von Punk Rock, Jangle Pop und alternativem Country. Acht ihrer Songs haben Jochen Heisel, die beiden Sänger und Gitarristen Dave Maskell (31) und Daniel Hecktor (35) sowie Bassist Rolf Barth (34) nun auf einen Tonträger gebannt.

„Debut“ heißt das Werk, und es ist nichts weniger als eine Offenbarung für jeden Fan alternativer amerikanischer Musik der frühen 1990er Jahre. Schon der Opener „Shore“ liefert diese grandiose Mischung aus Sehnsucht und Aggression, die schon Bands wie Jawbreaker, Leatherface und Samiam den musikalischen Sonderstatus sicherte – wenn schon melancholisch, dann wenigstens mit Energie. „Another Day“ ist die Träne im Auge des Helden, traurig und stolz zugleich, das behutsam beginnende „Bees and Birds and Bitterness“ wird schlagartig zu einem treibenden Gitarrenschrammler der alten Schule, anachronistisch, aber gerade deshalb auch authentisch.

Zum Abschluss des relativ kurzen Albums gibt es dann zwei Ohrwürmer, die alle Stärken der Band noch einmal eindrucksvoll auf den Punkt bringen. Mit einer sehnsüchtigen Gesangsmelodie und treibendem Rhythmus kommt der Punkrocker „Satellite“ daher, hebt empor in die Stratosphäre, die Einsamkeit des Alls. Das düstere „Talk Dirty Cheap Thing“ rockt genau in die andere Richtung, hinein in die Eingeweide der Seele, in Zerrissenheit und Wut. Mit rauer Stimme singt Hecktor: „We're setting sails into the sunset, one for the road we'll never go.“ (Wir setzen die Segel hinein in den Sonnenuntergang, noch einen letzten Drink auf den Weg, den wir niemals zusammen gehen werden).

„Hier geht es darum, unfreiwillig eine sehr wertvolle Beziehung hinter sich gelassen zu haben, und sich wieder ins Haifischbecken der Dating-Games zu begeben“, erklärt Hecktor, der sich das Songwriting und Texten mit Maskell teilt. Seine Inspirationen holt er sich, wie er sagt, aus einer gewissen Unzufriedenheit mit seiner Situation – Alltagsbeobachtungen werden in den Texten zu Reflexionen über den Zustand der Welt. „Ich hab Soziologie studiert, und das prägt“, so Hecktor. „Da kriegt man einen kritischen Blick auf die Welt, den man niemals mehr los wird.“ Im Fall von ABC Georgia ist das allerdings ein Gewinn: Maskell und Hecktor schaffen es, ihre kritischen Blicke metaphernreich und lyrisch anspruchsvoll in Textform zu bringen – Mitgröl-Plattitüden sucht man hier vergeblich, dafür findet man Substanz.

Punk-Rock-Attitüde gibt es trotzdem: „Debut“ wurde von der Band – beruflich fest eingespannt vom Projektmanager bis zum Sozialversicherungs-Fachangestellten – in Eigenregie aufgenommen. Das Ergebnis ist ein wunderbar unpolierter Sound, Melancholie und Rotzigkeit gehen Hand in Hand. Gute Songs, das machen ABC Georgia deutlich, sind eben doch wichtiger als ein audiophiles High-End-Produkt. Ob auf CD oder bei ihren mitreißenden Live-Auftritten: Die Band transportiert vor allem eines – Leidenschaft. „Das Größte am Musikmachen ist, wenn man das Gefühl hat, innerhalb einer Band zu harmonieren“, sagt Heisel. Und es ist wohl genau diese Harmonie, die jeden Song auf „Debut“ so ehrlich klingen lässt, wie den Schlag des Herzens.

 

quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1278663540909.shtml